Zur aktuellen Situation im Iran

Stellungnahme der Präsidentin unseres Bundes und
von unserem iranischen Bruder Omid Homayouni

„Da weinte Jesus.“ (Johannes 11,35)

Dies ist einer der kürzesten Verse der Bibel. Er bedarf keiner Ausschmückung. Der Vers steht über diesem Monat, über der Passionszeit und für mich auch über dieser besonderen Woche. Denn wir haben in diesen Tagen viele Tränen gesehen: Bilder von Trauernden, aber auch Freudentränen von Menschen, die auf die entscheidende Veränderung hoffen.
Die Eskalation im Iran und im Nahen Osten hält die Welt in Atem; wir hören täglich von neuen Angriffen und der Ungewissheit, was kommen wird.

Tränen erzählen Geschichten, für die Worte oft nicht reichen. Sie berichten von Trauer, von Freude, Ohnmacht, Wut oder tiefem Mitgefühl. Tränen sind keine Schwäche. Sie befreien, sie heilen und sie zeigen uns, was im Kern wirklich zählt. Manchmal sind sie auch einfach Ausdruck unserer Hilfslosigkeit.

Jesus weinte auf dem Weg zum Grab von Lazarus. Er wurde konfrontiert mit Vorwürfen, mit der Verzweiflung der Schwestern und dem Schmerz des Todes. Die Menschen um ihn herum rätselten: Weint er aus Liebe? Weint er, weil er nicht helfen konnte? Wofür genau Jesu Tränen standen, wissen wir nicht – und vielleicht ist das gut so. Seine Tränen stehen stellvertretend für die vielen Gründe, aus denen wir heute weinen.

Jesus weint mit uns. Er weint für uns, wenn uns die Tränen fehlen. Er weint um diese zerbrechliche Welt. Er leidet mit den Unterdrückten und denen, die keine Hoffnung mehr haben. Das Erstaunliche ist: Jesus weiß in diesem Moment schon, dass er Lazarus auferwecken wird. Und doch nimmt er sich die Zeit, den Schmerz nicht zu überspringen. Er lässt die Tränen zu. Er hat ein tiefes Mitgefühl. Das zeigt mir: Beides hat bei Gott Platz – das ehrliche Weinen und die Hoffnung auf neues Leben.

Seit dem Wochenende ringe ich um Worte angesichts der Lage im Iran. Die Entwicklungen sind schwer einzuordnen. Doch ich weiß von der Sehnsucht unserer iranischen Geschwister, die seit so langer Zeit für Freiheit beten. Ich bin mir sicher: Jesus weint mit Euch.

Wir wollen eine Stimme aus unserer Mitte, die Stimme von Omid Homayouni, einem unserer iranischen Geschwister hören:

Liebe Geschwister,

die Situation im Iran hat sich in den letzten Tagen dramatisch verändert. Am Samstagmorgen wachten wir auf und lasen in den Nachrichten, dass der Iran angegriffen wurde. Es war ein Moment voller Spannung. Einerseits tragen wir seit Langem die Hoffnung im Herzen, dass dieses Regime geschwächt wird und unser Volk eines Tages in Freiheit leben kann. Andererseits bringt jede militärische Eskalation neues Leid, Angst und große Unsicherheit.

Am Samstagabend kam dann eine weitere Nachricht, die alles noch einmal verändert hat: Der oberste Führer des Iran, Ali Khamenei, ist nach offiziellen Meldungen bei den Angriffen getötet worden. Als wir das hörten, waren unsere Gefühle erneut gemischt – Hoffnung auf tiefgreifende Veränderung und zugleich große Sorge darüber, was nun folgen wird.

Seitdem lesen wir täglich von Angriffen auf verschiedene Städte. Viele Menschen leben in Angst. Und wenn das Internet vollständig abgeschaltet wird, wissen wir oft nicht, wie es unseren Familien und unseren Geschwistern im Glauben geht. Diese Ungewissheit belastet uns sehr.

Und doch sehen wir nicht nur Zerstörung. Wir sehen auch, dass Geschichte in Bewegung ist. Wir sehen, dass Systeme, die lange unveränderlich schienen, plötzlich erschüttert werden. Wir sehen, dass neue Wege möglich werden könnten – Wege zu mehr Freiheit, zu mehr Gerechtigkeit und zu einem Leben ohne Unterdrückung.

Als Christen dürfen wir diese Hoffnung aussprechen. Wir dürfen beten, dass sich jetzt Türen öffnen für echte politische Veränderung. Dass Verantwortliche weise Entscheidungen treffen. Dass Gewalt nicht weiter eskaliert. Dass Freiheit und Gerechtigkeit Raum gewinnen im Iran.

Aber unsere Hoffnung geht noch tiefer. Sie hängt nicht allein an politischen Entwicklungen oder an neuen Machtverhältnissen. Unsere Hoffnung ruht in Gott.

Am Anfang dieses Jahres stand für uns ein Wort aus der Offenbarung des Johannes: „Siehe, ich mache alles neu.“ Diese Verheißung bedeutet: Gott ist am Werk – auch mitten in Umbrüchen. Er kann Herzen verändern. Er kann Nationen verändern. Er kann Zukunft schenken.

Wir stehen in der Passionszeit. Jesus Christus selbst ging durch Leid und Dunkelheit hindurch – und gerade daraus entstand neues Leben. Das Kreuz war nicht das Ende. Es war der Weg zur Auferstehung.

Darum bitte ich Euch von Herzen: Lasst uns als Gemeinde treu und ausdauernd beten. Betet für Schutz über den Städten. Betet für Weisheit für die Verantwortlichen. Betet für eine friedliche Entwicklung. Betet für unsere Geschwister im Iran.

Und betet besonders für die Farsi-sprachigen Geschwister in unseren Gemeinden, die innerlich zwischen Hoffnung und Sorge stehen.

Lasst uns mutig um politische Freiheit bitten – und gleichzeitig unser Vertrauen fest in Gott verankern.

Denn unsere endgültige Hoffnung kommt nicht von Menschen. Sie kommt von dem Gott, der gesagt hat: „Siehe, ich mache alles neu.“

Und an dieser Hoffnung halten wir fest.

Vielen Dank für den ehrlichen Einblick und das Anteilgeben. Bei diesen Worten denke ich wieder an Jesus, der weint. Dieses Bild ist für mich zu einem Anker geworden. Es zeigt mir: Wir dürfen erschüttert sein. Wir dürfen mitweinen und mithoffen. Auch in dieser Ambivalenz.

Jesu Tränen sind kostbar, weil sie zeigen: Gott ist da – mitten im Leid. Und weil er da ist, haben Gewalt, Hass und Tod nicht das letzte Wort. Nicht im Iran, nicht in den anderen Ländern des Nahen Ostens, nicht an den Krisenherden dieser Welt – und auch nicht in unseren ganz persönlichen Kämpfen.

Ich möchte mich dem Gebetsaufruf von Omid anschließen: Lasst uns beten für den Iran, für Freiheit und Schutz der Menschen vor Ort und für unsere iranischen Geschwister hier bei uns. Lasst uns auch beten für die Länder der Arabischen Halbinsel, ebenso für Israel, den Gazastreifen, den Libanon, die Ukraine und die anderen Kriegsgebiete. Lasst uns darum bitten, dass die Gewalt nicht noch weiter eskaliert und friedliche Lösungen gefunden werden.

In allem halten wir an der Hoffnung fest, dass Jesus mitten im Leid gegenwärtig ist und neues Leben schenken wird. Ich wünsche uns eine Passionszeit, die ehrlich mit dem Schmerz umgeht und fest mit der Kraft der Auferstehung rechnet.

Pastorin Natalie Georgi (Präsidentin) und Pastor Omid Homayouni

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